Der Börsen-Schock vom Montag steckt Anlegern auch drei Tage danach noch in den Knochen. Schließlich erlebt man einen Absturz um zwölf Prozent an einem einzigen Tag an einer der größten Börsen der Welt – der japanischen –, nicht alle Jahre, nicht einmal alle Jahrzehnte. Am Dienstag legte der maßgebliche Nikkei-Index dann um zehn Prozent zu, am Mittwoch um ein weiteres Prozent. Er befindet sich also eigentlich wieder in der Nähe des Ausgangsstands. Doch psychologisch hat der Tages-Crash in Japan, der sich wellenartig über Europa in die USA ausbreitete, tiefe Verunsicherung ausgelöst.
Noch immer sind die Experten mit Ursachenforschung beschäftigt: Wie kann es sein, dass es von außen betrachtet fast aus dem Nichts heraus zu einer solch panikartigen Reaktion kommt? Mittlerweile sind dazu einige Thesen im Umlauf: der vorherige übertriebene Aktienboom vor allem bei Technologie-Unternehmen, die drohende Rezession in den USA, die drohende Eskalation des Nahost-Krieges. Es gibt allerdings einen Grund, der sich mehr und mehr als Hauptursache für die Verwerfungen herausstellt.
Leihen in Yen, kaufen in Dollar, das war lange lukrativ
Dieser Grund liegt in Japan und heißt im Fachjargon Currency Carry Trades. Das sind Spekulationsgeschäfte, die die Zinsunterschiede zwischen verschiedenen Währungen auszunutzen versuchen. Große institutionelle Anleger, die Milliarden bewegen, nehmen dabei einen Kredit in einer Währung mit niedrigen Zinsen auf und legen das Geld in einer Währung mit höheren Zinsen an. Der Zinsunterschied ist ihr Gewinn. Auf den Finanzmärkten wird das im großen Stil praktiziert, und es wirft in aller Regel hohe Gewinne ab. Problematisch werden Curry Trades allerdings dann, wenn sich das Verhältnis der Währungen zueinander binnen kurzer Zeit massiv verändert. Und genau das ist in den vergangenen Tagen passiert.
Speziell geht es um das Verhältnis zwischen Yen und US-Dollar. Lange Zeit liefen die Zinskurven in Japan und den USA parallel, nämlich nahe der Nulllinie. Doch dann erhöhte die US-Notenbank Fed 2022 binnen weniger Monate die Leitzinsen bis auf 5,25 Prozent, während er in Japan weiter bei 0,1 Prozent lag. Ein gewaltiger Unterschied, den professionelle Investoren wie Pensionsfonds oder Versicherungen in den vergangenen Monaten mit immer größeren Summen zu nutzen versuchten.
Ein Beispiel: Ein Investor nimmt bei einer japanischen Bank einen Yen-Kredit über 100 Millionen Dollar zu 0,25 Prozent auf und legt diesen in US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit mit derzeit vier Prozent Rendite an. Das bringt ihm nach einem Jahr einen Ertrag von 104 Millionen Dollar. Zahlt er den Kredit dann zurück, kostet ihn das 250 000 Dollar Zinsen. Der Gewinn: 3,75 Millionen Dollar. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Verhältnis zwischen Dollar und Yen gleich geblieben ist.
Doch zuletzt verlor der Dollar gegenüber dem Yen binnen vier Tagen bis zu 13 Prozent. Die Ursache dafür war, dass die Zinsen in den beiden Ländern in die entgegengesetzte Richtung liefen: Die japanische Notenbank erhöhte den Leitzins in der vergangenen Woche von 0,1 auf 0,25 Prozent. Die US-Notenbank Fed veränderte den Zins zwar nicht, ihr Chef Jerome Powell sprach jedoch die schwierige Arbeitsmarktlage an. Das lässt erwarten, dass in den USA der Leitzins bald gesenkt wird.
Die Turbulenzen könnten noch eine Weile weitergehen
Die Auswirkungen der Wechselkurschwankung um 13 Prozent für die Carry Trades ist gewaltig. Aus einem Gewinn von 3,75 Millionen Dollar in der Beispielrechnung wird ein Verlust von 9,25 Millionen Dollar.
„Ich denke, dass uns gerade die Carry Trades um die Ohren fliegen“, sagt Roman Przibylla, Investmentexperte beim Wertpapierhaus Maverix Securities. Die Währungsspekulationen liefen für die professionellen Anleger schon vergangene Woche in die falsche Richtung, am Montag kulminierte es. „Sie mussten das Risiko neu bewerten und hatten hohe Verluste in den Büchern“, sagt Przibylla. Um diese nicht noch zu vergrößern, hätten sie die Carry Trades aufgelöst. Laut der Großbank Société Générale handelte es sich um die größten solchen Geschäfte, die es in der Welt je gegeben hat.
Was die Sache noch schlimmer macht, ist, dass mit den billigen Yen-Krediten nicht nur amerikanische Staatsanleihen gekauft wurden. „Viele Investoren gingen noch mehr ins Risiko und deckten sich mit Anlagen ein, die zuletzt sehr gut gelaufen waren, wie US-Technologieaktien, Gold oder die Bitcoin“, sagt Experte Przibylla. Auch diese Vermögenswerte mussten sie am Montag verkaufen, um ihre Verluste zu begrenzen. Deshalb brachen am Montag fast alle Anlageklassen rund um den Erdball ein.
Die Frage ist nun wie es in den nächsten Wochen weitergeht. Experte Przibylla glaubt nicht, dass alle zuvor abgeschlossenen Carry Trades schon aufgelöst sind. „Solche Prozesse dauern meist bis zu zwei Wochen“, sagt er. Es könne deshalb sein, dass es zu weiteren starken Kursverlusten kommt. Auf der anderen Seite glaubt er, „die aktuellen Verwerfungen deuten eher darauf hin, dass wir es momentan nur mit einem Sommergewitter und nicht mit einem Tornado zu tun haben“. Denn abgesehen von den Carry Trades habe sich an der grundlegenden Situation an der Börse nicht viel geändert – und die sei nicht fundamental negativ. Privatanleger sollten in solchen Situationen nicht panisch verkaufen, sie könnten die niedrigeren Kurse sogar nutzen, um bei Aktien hoher Qualität neu einzusteigen oder sie nachzukaufen.